Kickers gewinnt „wahnsinniges Derby“ gegen Oldenburg mit 4:2
3600 Zuschauer erleben packende Partie / Drei Rote und elf Gelbe Karten auf dem Platz
Nachdem der Ball zum 4:2 über die Linie gekullert war, wusste Kai Kaissis erst mal gar nicht, wohin mit seinen Gefühlen. Der Mittelfeldspieler von Kickers Emden drehte ab, hob eher zögerlich die Arme und fuhr sich kurz darauf mit den Händen durch die Haare. Sekunden später war Kaissis in einer blau-weißen Jubeltraube verschwunden. „Das war schon ein sehr emotionaler Moment“, sagte der 29-Jährige später. „Die Zeit beim VfB Oldenburg gehörte zu den schönsten, die ich als Fußballer erlebt habe.“
Nun also entschied Kaissis das Derby gegen seinen Ex-Klub – mit seinem ersten Saisontor in der 100. Minute. Nach einem Luftduell zwischen Michael Igwe und VfB-Torhüter Jhonny Peitzmeier kurz hinter der Mittellinie landete die Kugel bei Kaissis. „Ich habe mir den Ball mit dem Kopf in den Laufweg gelegt und ihn dann aus 25 Metern ins Tor gepasst“, sagte der 29-Jährige und grinste. „Das Tor war frei – das hast du als Spieler schon ein bisschen Kopfkino, wenn es vermeintlich so einfach ist.“ Am Ende war der „Pass“ des Emder Sechsers aber hart genug, um trotz einer Unebenheit am Fünfmeterraum im Tor zu landen. „Ich war wirklich froh, als er endlich drin war.“
Foto: Jens Doden
Es war der Schlusspunkt eines denkwürdigen Duells zwischen Kickers und dem VfB. „Das war ein wahnsinniges Derby“, sagte Tobias Steffen. Auch er spielte bereits für die Oldenburger – und trug mit einer Vorlage und einem Tor zum Emder Heimsieg bei. „Viele Spieler werden den Verein nach der Saison verlassen, darunter solche Kickers-Legenden wie Tido Steffens und Marvin Eilerts“, so Steffen. „Umso wichtiger war es uns, gemeinsam noch mal diesen besonderen Sieg zu holen.“
3600 Zuschauer im Ostfriesland-Stadion erlebten nicht nur ein Sechs-Tore-Spektakel, sondern auch eine Kartenflut. So verteilte Schiedsrichter Luca Sambill (Bad Schwartau) insgesamt drei Rote und elf Gelbe Karten an Spieler. Zudem sah VfB-Coach Dario Fossi Gelb-Rot (57.), der Oldenburger Physiotherapeut Niklas Kühne Rot (90.+6) sowie Torwarttrainer Christian Meyer Gelb (62.). Auch Kickers-Trainer Stefan Emmerling wurde verwarnt (88.).
Foto: Jens Doden
„Die Leistung des Unparteiischen war schlecht, das muss man leider sagen“, sagte Steffen. Fossi wurde bei der Pressekonferenz noch deutlicher. „Der Schiedsrichter hatte es heute schwer mit uns allen, keine Frage“, sagte Fossi. „Aber wir haben Ambitionen aufzusteigen, da brauchen wir keinen Schiedsrichter in der Ausbildung, der total überfordert ist.“
Den ersten Platzverweis kassierte VfB-Abwehrspieler Nick Otto bereits in der Anfangsphase. Nach einem Foul von Tido Steffens verletzte sich Otto am Ellbogen, trat aber gegen Tobias Steffen nach. Sambill wertete das als Tätlichkeit und schickte den Oldenburger in die Kabine (7.). Anschließend spielten sich die Emder in einen kleinen Rausch. Nach einer Steffen-Flanke köpfte David Schiller zum 1:0 ein (15.). Mika Eickhoff legte mit einem Schuss ins kurze Eck nach, nachdem ein Abschluss von Bent Andresen geblockt worden war (25.).
Foto: Jens Doden
Acht Minuten später zirkelte „Zauberfuß“ Steffen die Kugel aus 25 Metern traumhaft zum 3:0 in den Winkel (33.). „Endlich hat es mit meinem ersten Freistoßtor in dieser Saison geklappt“, sagte Steffen. „Dass es dann noch gegen meinen Ex-Verein war, macht es noch schöner. Ich habe beim Testspiel im Winter ein paar unschöne Worte gehört, deshalb war schon eine gewisse Genugtuung dabei.“ Keine zwei Minuten nach dem 3:0 hätte Tido Steffens beinahe das vierte Tor folgen lassen, traf nach tollem Eickhoff-Zuspiel aber nur den Pfosten.
Foto: Jens Doden
In der Nachspielzeit der ersten Hälfte entschied Sambill nach einem Zweikampf zwischen Janek Siderkiewicz und Willem Hoffrogge auf Elfmeter für die Gäste. VfB-Kapitän Rafael Brand ließ dem gut aufgelegten Kickers-Keeper Moritz Schulze keine Chance – 3:1 (45.+2).
Nach dem Seitenwechsel parierte der Emder Schlussmann Schüsse von Mats Facklam (66.) und Brand (80.). Drei Minuten später durfte sich der Oldenburger Kapitän den Ball erneut auf dem Elfmeterpunkt zurechtlegen. Sambill hatte nach einer Aktion zwischen Emanuel Adou und Julian Boccaccio auf Strafstoß entschieden. Dieses Mal ahnte Schulze die Ecke, konnte das 3:2 aber nicht verhindern (83.). Fast wäre dem eingewechselten Vincent Hagen sogar noch der Ausgleich gelungen, doch sein Kopfball aus fünf Metern flog über den Kasten (88.).
Foto: Jens Doden
Spätestens jetzt wurde es auf dem Feld noch mal so richtig hektisch. Zur Beruhigung konnte auch der Schiedsrichter nichts mehr beitragen. Er schickte Boccaccio (90.+3, Nachtreten) und Marvin Eilerts (90.+5, grobes Foulspiel) in der Nachspielzeit jeweils mit Rot vom Feld. Auch mit Neun gegen Zehn warfen die Gäste alles nach vorne, Torhüter Peitzmeier hielt sich vornehmlich nahe der Mittellinie auf. So ergab sich nach einem Befreiungsschlag von Steffens auch das Luftduell zwischen dem Keeper und Igwe, das die Entscheidung einleiten sollte.
Nach etwas mehr als zwölf Minuten Nachspielzeit war es dann vorbei, das „Wahnsinnsderby“, wie es Tobias Steffen nannte. „Ich glaube, für jeden Zuschauer im Stadion war es ein Genuss, heute dabei gewesen zu sein.“ Zum begeisterten Emder Publikum gehörte am Sonntagnachmittag auch Sotirios Kaissis – der Vater von Emdens Nummer 6. „Mein Papa kann leider nicht so oft bei Spielen zuschauen“, sagte Sohnemann Kai, dessen Eltern in Varel ein griechisches Restaurant betreiben. „Als ich getroffen habe und das Spiel durch war, habe ich auch an ihn gedacht. Es freut mich sehr, dass er noch mal ein Tor von mir gesehen hat“, sagte der 29-Jährige und konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. „Das kommt ja doch eher selten vor.“
