Kickers gewinnt Sieben-Tore-Spektakel in Jeddeloh mit 4:3
Emder führten zur Pause mit 3:0 / 3:3 nach 62 Minuten / Steffens macht vierten Sieg in Serie perfekt
Das „Leo“ von Marten Schmidt ignorierte Tido Steffens gekonnt. „Ich habe ihn gehört, mich aber dafür entschieden, den Ball aus der Luft zu pflücken.“ So nahm der Torjäger von Kickers Emden eine Hereingabe aus dem Halbfeld von Michael Igwe etwa 20 Meter vor dem Tor an, drehte sich um seinen Gegenspieler - und schloss zunächst nicht ab. „Ich musste zweimal verzögern, weil die Lücke nicht da war“, so Steffens. Vier Sekunden nach der Ballannahme war sie dann da - und Steffens visierte das lange Eck an. „Dann habe ich noch ein bisschen gezittert und gehofft, dass er wirklich passt.“ Tat er. Vom linken Innenpfosten sprang die Kugel über die Linie - und Steffens drehte jubelnd Richtung Gästeblock ab. „Dieses Gefühl war megageil.“
Der 31-Jährige bescherte „seinem“ BSV mit seinem 13. Saisontor einen spektakulären 4:3-Auswärtssieg beim SSV Jeddeloh - in der dritten Minute der Nachspielzeit. „Wie schon beim 4:2 im Derby gegen Oldenburg war es heute wieder sehr wild“, sagte Steffens. „Aber das macht den Fußball aus.“ So führten die Ostfriesen nach einer herausragenden ersten Halbzeit mit 3:0, kassierten nach dem Seitenwechsel drei Gegentore innerhalb von sechs Minuten - und durften nach dem Abpfiff trotzdem den vierten Sieg in Serie mit den Fans feiern. „Mit diesem Dreier haben wir die letzten Wochen vergoldet.“
Nach dem Spiel kletterte Steffens auf den Zaun, stimmte die Sieger-Humba an und läutete damit die blau-weiße Party ein. Auch Kickers-Trainer Stefan Emmerling nahm zahlreiche Glückwünsche entgegen. „Eigentlich ging es für beide Mannschaften um nichts mehr“, sagte Emmerling. „Aber nach dem Spektakel gegen Oldenburg waren wir schon sehr daran interessiert, auch heute keine Langeweile aufkommen zu lassen.“
Für Unterhaltung sorgten im ersten Durchgang ausschließlich die Emder. Mika Eickhoff brachte Kickers nach einer Flanke von Tobias Steffen per Kopf aus vier Metern in Führung (15.). Ein Schuss von David Schiller flog über den SSV-Kasten (23.).
Keine 120 Sekunden später spielten die Ostfriesen auch ihren zweiten Treffer sehenswert heraus. Nach einem Ballgewinn von Kai Kaissis in der eigenen Hälfte landete die Kugel über die Stationen Steffen, erneut Kaissis und Schiller wieder bei Steffen, der Steffens mit einem klugen Ball in die Tiefe schickte. Emdens Nummer 21 sah den völlig freistehenden Eickhoff auf der anderen Seite - und der schnürte mit einem Schuss aus 15 Metern seinen Doppelpack zum 0:2 (25.). Es war das zehnte Saisontor des 22-Jährigen - und der sechste Eickhoff-Treffer in den vergangenen vier Spielen.
Steffen hätte mit einem Kunstschuss beinahe das dritte Tor erzielt, doch seine direkte Hereingabe nach einer abgewehrten Ecke landete auf der Latte (29.). Fünf Minuten vor der Pause war es dann so weit: Schiller traf die Kugel nach einer Eickhoff-Flanke im Zentrum nicht richtig. Jeddelohs Fynn Luca Friedrichs konnte klären - genau vor die Füße von Kaissis. Er legte an der Strafraumgrenze auf für Steffen, der den Ball mit der Innenseite ins lange Eck „streichelte“ - 0:3 (40.).
„Natürlich kann ich mich daran erinnern, dass Björn Lindemann vor dem Hinspiel gesagt hat, dass er unsere Spiele langweilig findet, dass wir ohne Plan spielen und die Bälle nur lang schlagen“, sagte Emmerling. „Davon habe ich heute wenig gesehen. Man sollte immer vorsichtig sein, wie man über den Gegner spricht - man trifft sich ja immer zweimal.“
In den Jubel über die komfortable Führung mischte sich bei den Emdern kurz vor der Halbzeitpause auch ein bisschen Ärger, denn Schiedsrichter Filip Gagelmann (Bremen) schickte Bent Andresen nach zwei Fouls innerhalb von fünf Minuten mit Gelb-Rot vom Feld (42.). Jeddeloh beendete die erste Hälfte ebenfalls nicht mit elf Spielern, weil Robin Krolikowski nach einer verbalen Entgleisung glatt Rot sah (44.).
„Bei einer so klaren Führung neigt man natürlich dazu, ein bisschen weniger zu machen“, sagte Emmerling. „Wir sind nicht mehr in die Zweikämpfe gekommen, haben versucht, über das Zentrum rauszuspielen - das ging in die Hose.“
So kam der Tabellenvierte aus dem Ammerland mit viel Schwung aus der Kabine. Dominique Ndure traf per Flachschuss zum 1:3 und läutete damit das SSV-Comeback ein (56.). Fast genau eine Minute später traf Ndure mit einem Schuss aus fünf Metern erst die Latte, von dort sprang der Ball an den Pfosten. Der eingewechselte Finn Cramer sorgte kurz darauf per Kopfball nach einer Ecke für das 2:3 (60.), ehe erneut Ndure per Dropkick aus 18 Metern zum 3:3 traf (62.).
Innerhalb von sechs Minuten hatten die Emder ihre verdiente 3:0-Pausenführung verspielt. „Wir haben uns glücklicherweise wieder gefangen“, sagte Tido Steffens. „Danach war es ein Spiel auf Messers Schneide, es ging hin und her.“ Die besten Gelegenheiten für Kickers vergaben Nick Stepantsev (66.) und Kai Kaissis (73.), die jeweils am Ex-Emder Moritz Onken im SSV-Tor scheiterten. Auf der anderen Seite vergab Cramer zwei gute Möglichkeiten (67./80.).
Kurz vor dem Ende der regulären Spielzeit folgte noch der dritte Platzverweis an diesem unterhaltsamen Nachmittag: Jeddeloh-Kapitän Kasra Ghawilu sah nach einem Foul an Emanuel Adou Gelb-Rot (89.).
Auch das Duell Neun gegen Zehn blieb bis in die Nachspielzeit hinein spannend. Vieles deutete auf ein Unentschieden hin. Bis zum „Leo“ von Marten Schmidt - und der Entscheidung von Steffens, die Igwe-Hereingabe selbst zu verarbeiten. Nach dem Treffer zum 4:3 für Kickers und zwei weiteren Minuten „obendrauf“ war der vierte Emder Sieg in Serie dann perfekt.
„In den letzten drei Spielen geht es für uns darum, eine schöne ,Abschiedstournee‘ zu haben“, sagte der dienstälteste Emder, der den Verein ebenso wie viele Mitspieler nach dem Saisonende verlassen wird. „Wir wollen dem Trainerteam um Stefan, der hier jahrelang sehr gute Arbeit geleistet hat, einen gebührenden Abschied bereiten und in der Tabelle noch ein wenig klettern.“
Die nächste Chance dazu bietet sich den Ostfriesen bereits am kommenden Mittwoch im Nachholspiel bei Hannover 96 II (18 Uhr). Nach vier Siegen in Folge mit einem Torverhältnis von 14:5 stehen die Chancen auf das nächste Kickers-Spektakel nicht schlecht.
