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Regionalliga
Freitag, 01.05.2026 19:11 Uhr | Ingo Poppen

„Kickers Emden ist mein absoluter Herzensverein“

Im Interview spricht Marvin Eilerts über seinen Abschied nach neuneinhalb Jahren, die schönsten Momente und das Auswärtsspiel in Jeddeloh

Die Zeit von Marvin Eilerts bei Kickers Emden begann im Januar 2017 - auf der Tribüne. Woche für Woche. Der damals 18-Jährige war nach seinem Wechsel von der U19 des SV Meppen ein halbes Jahr lang nicht für die Ostfriesen spielberechtigt. Trotzdem gehörte „Marv“ schnell dazu - und entwickelte sich mehr und mehr zum Publikumsliebling. Seit Sommer 2017 absolvierte der heute 27-Jährige insgesamt 227 Pflichtspiele für „seinen“ BSV und erzielte 25 Tore. Eilerts trug das Kickers-Trikot mit der Nummer 11 in der Landesliga, Oberliga und Regionalliga.

In ein paar Wochen ist Schluss. Das Kapitel Eilerts in Emden geht Mitte Mai zu Ende. Nach neuneinhalb Jahren. Den ab der neuen Spielzeit geplanten Schritt in Richtung Profitum kann der Großefehner, der in Vollzeit als Teamleiter beim Auricher Windkraftanlagenhersteller Enercon arbeitet, nicht mitgehen. Im Interview spricht Eilerts über die schönsten Momente seiner Kickers-Zeit, Gänsehaut-Momente und das anstehende Emder Auswärtsspiel beim SSV Jeddeloh am Samstag (16 Uhr).

Moin Marvin! Du hast 227 Pflichtspiele für Kickers absolviert - und im Derby gegen den VfB Oldenburg am Sonntag Rot gesehen. Wie hast du die Szene erlebt?

Marvin Eilerts: Es war die allererste Rote Karte meiner gesamten Karriere. Ich war im ersten Moment ziemlich geschockt, als ich den roten Karton gesehen habe. Natürlich bin ich zu spät gekommen, hatte das Foul aber nicht als so schlimm empfunden. Deshalb habe ich mich schon gewundert, dass es nicht einfach nur Gelb gab. Der nächste Gedanke war: ‚Hoffentlich bringt das jetzt keine Unsicherheit in die Mannschaft.‘ Wir standen in der Phase ziemlich unter Druck, weil Oldenburg das wirklich gut gemacht hat.

Wenn man sich die Szene mit etwas Abstand noch mal anguckt, muss man eindeutig sagen: Das ist eine Rote Karte. Die Hauptsache ist, dass sich mein Gegenspieler nicht verletzt hat. Ich glaube,  gerade im Derby Emden gegen Oldenburg gehört es dazu, dass es ruppige Zweikämpfe gibt, dass auch mal zugelangt wird.

Nach dem Platzverweis bist du von den Fans gefeiert worden, hast nach dem Spiel die Sieger-Humba auf dem Zaun angestimmt. Was bedeuten dir solche Momente?

Eilerts: Als die Fans nach der Roten Karte meinen Namen gesungen haben, hat mich das natürlich ordentlich aufgebaut. Ich hoffe, dass auch die Mannschaft das aufgenommen hat, im Sinne von: Es wird jeder gefeiert, der Zweikämpfe annimmt und in so einem Derby auch mal dazwischenhaut. Die Fans finden es natürlich geil, wenn sie sehen, dass sich die Spieler auf dem Platz für ihren Verein zerreißen.

Dass ich nach diesem Spiel die Humba anstimmen durfte, war überragend. Für solche Momente spielt man Fußball. Wenn ich so eine Wertschätzung von den Fans bekomme, muss ich in den vergangenen knapp zehn Jahren irgendwas richtig gemacht haben. Für mich war es unglaublich geil. Ich liebe es, mit den Fans zu feiern. Es gibt mir auch das Gefühl der Bestätigung: Das ist einfach dein Verein. Du liebst den Verein, der Verein liebt dich. Das ist wunderschön.

Bleiben wir beim Thema Derby: Du hast in den vergangenen Jahren viele dieser Duelle gespielt - gegen Oldenburg, Meppen, Delmenhorst. Wenn du drei Partien hervorheben müsstest, welche wären es und warum?

Eilerts: Auf jeden Fall gehört der 4:2-Sieg von Sonntag dazu, weil es ein unglaublich geiles Spiel war. Es hatte alles, samt meiner Roten Karte. Dieses Derbyfeeling war extrem, schon im Vorfeld und dann auch während der mehr als 100 Minuten auf dem Rasen.

Ich erinnere mich auch gerne an den Pokalsieg beim VfB in der vergangenen Saison. Wir sind in Unterzahl und trotz eines Rückstandes in der Verlängerung noch zurückgekommen und haben das Elfmeterschießen gewonnen. Ich habe den entscheidenden Elfer verwandelt. Wie wir danach an den Oldenburger Fans vorbei in Richtung Gästeblock zu unseren Fans gerannt sind, werde ich nie wieder vergessen. Das war ein unglaubliches Spiel mit unglaublichem Support.

Das trifft auch auf das 2:2 in Meppen im November 2025 zu. Wir waren überragend im Spiel, haben durch zwei Tore von Tido in dessen 400. Spiel für Kickers zweimal geführt - und den Sieg in den letzten Sekunden der Nachspielzeit noch aus der Hand gegeben. Trotzdem bekomme ich heute noch Gänsehaut, wenn ich an die Stimmung in der Hänsch-Arena denke. Dort vor 9201 Zuschauern spielen zu dürfen, war ein unvergessliches Erlebnis.

Die Dauer deiner Sperre ist noch offen, aber viele Einsätze im Kickers-Trikot werden nicht mehr hinzukommen. Denkst du oft über den bevorstehenden Abschied nach?

Eilerts: Ich hoffe, dass noch so viele Partien wie möglich dazukommen. Zwei dürften realistisch sein, denn zwei Spiele Sperre wären aus meiner Sicht angemessen. Ich wünsche mir, dass ich beim letzten Heimspiel gegen den VfB Lübeck spielen darf, mich in unserem Wohnzimmer verabschieden kann. Dann können wir die Saison am letzten Spieltag bei Altona ausklingen lassen.

Über den Abschied denke ich schon sehr häufig nach. Ich höre sehr, sehr gerne Musik und verbinde auch meine Emotionen mit der Musik. Das kann vor dem Spiel sein, um mich zu motivieren, aber auch in ruhigeren, traurigeren Momenten. Ich bekomme ganz oft Gänsehaut bei verschiedensten Liedern. Meine Frau sagt dann häufig: ‚Wahnsinn, dass du das so aufnehmen kannst.‘

Ich habe jetzt schon viele Gedanken im Kopf, wie mein letzter Tag bei Kickers aussehen soll. Kullern vielleicht Tränen, oder kullern sie nicht? Verlasse ich den Verein mit einem Lachen? Kickers Emden ist mein absoluter Herzensverein. Das ist ganz klar, das weiß auch jeder. Meine Beziehung zu dem Klub hat sich in all den Jahren extrem entwickelt. Ich glaube, diese ganzen Gefühle und Gedanken werden sich noch verstärken, wenn wirklich die letzten Tage anbrechen. Es wird sehr, sehr, sehr emotional.

Wie schwer war es, nach fast 10 Jahren im Verein entscheiden zu müssen, dass die Zeit nun endet?

Eilerts: Die Entscheidung ist mir extrem schwer gefallen. Ich habe alles versucht, um es irgendwie mit meinem Job zu vereinbaren. Je mehr ich hin- und hergerechnet habe, mit Freunden, meiner Familie und Mitspielern darüber gesprochen habe, desto mehr kam die Vernunft, die sagte: Marvin, es ist für dich leider nicht möglich, in der Form, wie es der Verein ab Sommer vorhat.

Auch die Telefonate mit Henning Rießelmann und Björn Lindemann waren alles andere als einfach. Ich habe auch Stefan Emmerling über meine Entscheidung informiert. In dem Gespräch hat er mir auch noch mal Tipps gegeben, wie ich mit der Situation bestmöglich umgehen kann. Ich glaube, sie alle haben gemerkt, wie schwer es mir gefallen ist, diese Worte überhaupt über die Lippen zu bekommen. Aber im Leben muss man Entscheidungen treffen. Und es wird ganz sicher nicht die einzige harte Entscheidung sein, die ich noch treffen werde.

Du hast drei Aufstiege und einen Abstieg miterlebt. Wenn du zurückdenkst, welche Momente sind dir besonders in Erinnerung geblieben?

Eilerts: Ich erinnere mich immer unheimlich gerne an die Aufstiege. Wir haben es in den unterschiedlichsten Konstellationen dreimal geschafft und haben es dreimal überragend gemacht. Danach hatten wir Mega-Partys, der ganze Verein war elektrisiert. Wir haben als Team aber auch einige schwierige Zeiten gemeistert, in denen es nicht lief. Aber auch in den Momenten sind wir als Kern zusammengeblieben.

Über die Jahre haben sich unglaublich tolle Freundschaften entwickelt, die auch immer noch bestehen. In den knapp zehn Jahren war einfach immer etwas los bei Kickers Emden. Ich bin nie gegangen, deshalb war es auch nie wirklich schlecht. Und deshalb kann ich auch kein einziges schlechtes Wort über den Verein sagen.

Ich habe sehr, sehr viele schöne Sachen erlebt. Der Umgang mit den Fans, diese Nähe zum Verein - das ist etwas, das ich noch nie so erlebt habe. Das werde ich nie vergessen. Dadurch hatte ich immer das Gefühl, zu Hause zu sein und beim richtigen Verein zu spielen. All das wird mir immer im Herzen bleiben und mich immer begleiten.

Du bist den Weg von der sechsten bis zur vierten Liga mitgegangen. Wie würdest du deine Zeit in Emden beschreiben?

Eilerts: Es war eine unvergessliche Zeit. Wir haben es von der Landesliga bis zur Vizemeisterschaft in der Regionalliga geschafft, also vom Hobby-Amateurfußball zum semi-professionellen Fußball. Genau genommen haben wir die Tür zum Profi-Dasein aufgestoßen. Der Verein hat sich durch die sportlichen Erfolge unglaublich entwickelt und in der Regionalliga etabliert. Dass ich ein Teil dieser Entwicklung sein durfte, macht mich unglaublich stolz.

Am Samstag geht es für euch zum SSV Jeddeloh. Auf was für einen Gegner müsst ihr euch einstellen?

Eilerts: Jeddeloh hat in dieser Saison außergewöhnlich gut performt, spielt vielleicht sogar eines der besten Jahre überhaupt. Die Mannschaft hat einen sehr guten Kern und funktioniert herausragend - sonst würde sie auch nicht so weit oben mitspielen. Das fängt im Tor bei Moritz an und hört im Sturm bei Max Wegner auf. Er hat ja sein Karriereende verkündet, ist aber immer noch einer der Leader in diesem Team, gehört zu den gefährlichsten Spielern, schießt viele Tore. Der SSV hat einen guten Mix gefunden, setzt vor allem auf technisch und spielerisch guten Fußball. Ich glaube, sie spielen aktuell am Peak. Darauf müssen wir gut vorbereitet sein.

Ihr habt zuletzt dreimal in Folge gewonnen. Wie muss die Mannschaft auftreten, um die Serie fortsetzen zu können?

Eilerts: Der Derbysieg hat uns alle noch mal enorm gepusht. Die Jungs gehen mit breiter Brust, viel Selbstvertrauen und vor allem großer Motivation in dieses Spiel. Wir müssen wieder das abrufen, was wir gegen Oldenburg geschafft haben. Es braucht die gewisse Härte in den Zweikämpfen, jeder muss auf dem Platz für den anderen da sein und aufopferungsvoll kämpfen. Wenn wir unsere Gefährlichkeit bei Standards zeigen, klug Fußball spielen und die Chancen, die wir bekommen, effektiv nutzen, haben wir gute Chancen auf einen Sieg. Gelingt uns das nicht, wird es in Jeddeloh sehr, sehr schwer.

Wenn du ein „Drehbuch“ schreiben dürftest, wie würde der perfekte Abschied von Marvin Eilerts bei Kickers Emden aussehen?

Eilerts: Dann würde es keinen Abschied geben. (lacht) Nein, Spaß. Ich wünsche mir einen Sieg im letzten Heimspiel gegen den VfB Lübeck. Vielleicht gelingt mir eine Super-Leistung, vielleicht verteidige ich einen Ball auf der Linie oder schieße sogar selbst ein Tor. Das würde mich enorm freuen. Ich hoffe wirklich, dass viele Kollegen, Freunde und ehemalige Weggefährten dabei sind und wir nach dem Spiel noch mal gemeinsam ein Bierchen trinken können. Natürlich gehören auch meine Familie und die Fans dazu. Mit allen möchte ich ein paar schöne Stunden verbringen.

Generell würde ich mir einen versöhnlichen Abschied mit einem weiteren Sieg bei Altona wünschen, wenn ich das Kickers-Trikot wirklich zum allerletzten Mal tragen werde. Und ich hoffe, dass mich keiner der Menschen, die ich rund um Kickers Emden in all den Jahren kennenlernen durfte, vergisst. So wie ich auch sie niemals vergessen werde.